INTERCITY HAGEN - DRESDEN


Hagen – Dresden . Abfahrt 8.01 h Ankunft 14.38 h . Ich bin schon eine dreiviertel Stunde vor Abfahrt auf dem Bahnsteig. Reisefieber breitet sich aus, die Vorfreude auf die Bahnfahrt- ich sage noch immer ganz altmodisch „Eisenbahnfahrt“-, nimmt in meinem Herzen Platz. Ich möchte nicht mehr in den Postkutschenzeiten leben oder gar mit dem Eselskarren über Land fahren, mag das noch so romantisch sein.

Nein, ich möchte mit dem modernsten Zug, den wir haben reisen. 6:37h oder in Worten sechs Stunden und siebenunddreißig Minuten lang abschalten , an nichts denken. Ich will den Luxus genießen, nicht durch Weichengerattere geweckt zu werden, wenn ich ein Nickerchen mache, will nicht an jeder Ampel halten müssen, will nicht im Stau stehen, sondern fahren wie fliegen, durch´s Land brausen und die Seele baumeln lassen.

Ich habe einen Platz reserviert. Am Tisch, am Fenster, Ruhezone. Wirklich, das gibt´s. Da darf keiner telefonieren, um sich in erfundenen oder realen Gesprächen lautstark , damit auch jeder mitbekommt, was für ein toller Hecht er doch selber ist, über den Nachbarn , den doofen Kollegen oder den geistlosen Chef beschweren. Hier dürfen keine Verträge geschlossen oder gekündigt werden, keine betrieblichen Interna verraten und keine Mordabsichten gegenüber einer Schwiegermutter kundgetan werden. Hier herrscht Ruhe, die Ruhezone ist ein Ort der Meditation, der Selbstfindung, der Kontemplation.

Tischplatz reserviere ich immer. Nichts ist schöner als unterwegs eine nette Bekanntschaft zu schließen, ohne irgendwelche Verpflichtungen einzugehen, von wegen "Lassen Sie mal von sich hören", "wir bleiben in Verbindung" oder "Bis heute Abend im Hotel". Die Reise verkürzt sich gefühlt um die Hälfte bei einer netten und belanglosen Plauderei. Was man da sagt kann stimmen, kann Übertreibung sein, Meinung oder Geschwafel, es interessiert nicht. Ist ja nur von kurzer Dauer.

Der Zug kommt. „Ellwangen“ steht in großen grauen, dezenten Lettern an der Seite. „Ellwangen“, mit dem wollte ich immer schon mal fahren. Ich steige ein, leider in den falschen Wagen, da der Zug nicht genau an der vorhergesagten Stelle am Bahnsteig hält. Ich muss mit meinem Gepäck durch mehren Wage, wobei ich zwei Wagen schon durchquert habe, bis mir auffällt, dass ich in die falsche Richtung gegangen bin.

Schlussendlich finde ich meine Platz, das Schild „reserviert bis“ leuchtet über ihm, alles ist gut. Ich hieve meinen Rucksack in die Gepäckaufbewahrungsanlage oberhalb der Sitzfläche, wobei ich beinahe für eine schwere Kopfverletzung meinerseits sorge, da ein schon dort liegendes Gepäckstück um Haaresbreite an meinem ungeschützten Kopf vorbei saust und nur bei dem schon sitzenden Herrn einen schmerzhafte Oberschenkelprellung verursacht. Ein freundliches Lächeln, ein aufmunterndes Wort „Jetzt stellen sie sich mal nicht so an“ und schon ist die Situation geklärt und vergessen.

Ich nehme Platz. Zum Glück ist es mir egal, ob ich vorwärts oder rückwärts fahre. Es gibt ja Fahrgäste, die machen ein Gezeter , wenn sie feststellen, dass sie in der falschen Richtung sitzen. Sie erwarten Schwindelgefühle, Übelkeit, Depressionen und anderen organische und anatomische Probleme. Ich nicht.

Der Platz neben mir ist noch frei und ich freue mich schon, dadurch etwas mehr Bewegungsfreiheit zu erlangen als die mir zugebilligten 0,35 m³.

Ich starte nach ein paar Minuten einen Versuchsballon Richtung des Herrn zwecks Kontakt- und Gesprächsaufnahme. Der Herr wirkt leicht unwirsch und reagiert nicht. Ich verstehe das nicht.

Nun gut, ich hole mir ein Buch aus meinem Rucksack. Same procedure. Der Herr stöhnt. Ach das Mineralwasser habe ich vergessen. Same procedure. Der Herr stöhnt wieder. Es ist unglaublich wie empfindlich manche Menschen sind.
Der Platz neben mir ist noch immer frei und ich mache s mir gemütlich.

Die Landschaft fliegt, hui, an mir vorbei, Felder, Wiesen und Auen gibt’s zu schauen. Ei, lustig ist die Eisenbahnfahrt. Die Informationstafel zeigt an, dass wir 280 Stundenkilometer schnell sind. Ich berausche mich an dieser Vorstellung und habe das Gefühl zu fliegen. Leider verlangsamt der Zug sein Tempo, denn der erste Halt folgt.

Jetzt wird es spannend. Bleibt mein Nebensitz frei? Und wenn nicht, wer wird mein stundenweiser Nachbar oder ist es vielleicht eine Nachbarin, eine rassige Schönheit, die einem Flirt nicht abgeneigt ist. Ich lege mir sicherheitshalber schon mal ein Profil zu. „Ja, den Mercedes habe ich zuhause gelassen, der Aschenbecher war voll.“ „Nein, ich bin solo.“ „Ja, es ist schon traurig, eine vierzehn Zimmer Villa allein zu bewohnen.“ Ein kurzer Blick in die Reflexion auf der Fensterscheibe zeigt mir, die Haare liegen.

Ein junger Mann kommt. Geschätzte 2 Meter zehn lang. Wie will der eigentlich seine Beine unter den Tisch bekommen? Er schubst seinen Koffer in die Ablage. „Nein , mein Herr, da konnte ich jetzt nicht zu. Ja, es war mein Rucksack, aber diesmal...“ Ich zeige auf den langen Lulatsch.

Er grüßt. Ich grüße. Der Herr stöhnt. Der Lange faltet sich zusammen und kauert sich in seinen Sitz. Kaum sitzt er, steht er wieder auf und fummelt sein Laptop aus dem Rucksack. Es ist schon erstaunlich, welche Fallhöhe ein modernes Laptop unbeschadet überstehen kann. Der Herr stöhnt erneut. Ich zeige wortlos auf den Langen.

Er hat das Netzkabel vergessen, steht auf, stöbert in seinen Koffer, findet es … der Herr stöhnt. Was hat der eigentlich. Lulatsch setzt sich wieder. Nein, es ist kein Setzen, es hat etwas von Origami. Aus dem ewig langen Menschen wird ein gestauchter Zwerg. Er ist ein Kontorsionist, ja, das muss er sein.

Nun er hat sich eingeplatzt, steckt den Stecker in sein Laptop, entwirrt das Kabel, legt es über meinen Bauch, um es in die Steckdose an meiner Seite zu stecken.

Ich bin perplex, versuche nicht zu explodieren, sondern schreie ihn nur an, was er sich denn dabei denke. Er müsse arbeiten, sagt er lapidar und hämmert schon auf den Tasten seines Gerätes herum. Ich sitze gefesselt, ob solcher Frechheit und des einengenden Kabels in meinem Sitz.

Der Herr schmunzelt.

Mein Buch und die Landschaft kann ich vergessen. Unwillkürlich starre ich auf den flimmernden Monitor neben mir. Ich bilde mich zum Astrophysiker. Nebenbei gesagt, sind mir seit dieser Fahrt Schärfentiefe und Relativitätstheorie keine Fremdwörter mehr. Ich verstehe jetzt den Versuchsaufbau eines Teilchenbeschleunigers und die Auswirkungen der Schwerkraft auf mitreisende Herren.

Ich lasse den Lulatsch meinen Unmut spüren. Ich esse laut, ich kommentiere die Gegend, ich stelle mich schlafend und schnarche pathologisch laut.

Dieser zukünftige Nobelpreisträger lässt sich nicht irritieren. Warum gibt es eigentlich kein lautlosen Tastaturen? Ich verzweifele, das Grinsen im Gesicht des Herrn wird breiter, ich beobachte, wie er sein Hörgerät abschaltet. Es klackert in meinen Kopf. Am unterschiedlichen Ton kann ich blind erkennen, welcher Buchstabe gedrückt wird. Ein Fall für „Wetten dass“.

Dresden ist noch weit. Wie soll ich bloß hernach dem Kommissar erklären, warum der lange Mensch neben mir von meinem Buch erschlagen worden ist.

Braunschweig, die Geschwindigkeit des Lichtes beträgt rund dreihunderttausend Kilometer in der Sekunde.

Magdeburg. Die Schwerkraft hält alles zusammen.

Köthen. Wer möchte hier schon leben?

Halle (Saale). Zwei plus zwei ist ungefähr sieben.

Leipzig. Die Aliens nutzen Wurmlöcher , um uns zu vernichten... mit Laptops in Intercity - Zügen namens „Ellwangen“.

Riesa. Gaus, Einstein, Oppenheimer und Planck treffen sich zum Minigolf, aber der Ball verschwindet in einem Paralleluniversum.

Dresden Hbf, es ist geschafft, ich habe mein Ziel erreicht.

Sechs Stunden und siebenunddreißig Minuten entspanntes Bahnfahren, die ungestörte Vorfreude auf einen angenehmen Kurzurlaub in der schönen Stadt Dresden vor dem inneren Auge, machten die vorangegangen Eisenbahnfahrt zu einen unwiederbringlichen Erlebnis aller Sinne. Nette Bekanntschaften fürs Leben, unvergessliche Begebenheiten unterwegs, haben ein Ereignis geschaffen, von dem ich noch lange zehren kann, das sich ein mein Gedächtnis auf Ewigkeiten eingebrannt hat.

Der Lange und ich fischen unser Gepäck aus der Gepäckaufbewahrungsanlage, der Herr erwidert unseren Abschied nicht, sondern stöhnt ganz erbärmlich, als erst der Koffer und dann mein Rucksack auf ihn hernieder prasseln. Vielleicht sollte man fachmännische medizinische Hilfe rufen.

Ich verlasse den Zug, den Bahnhof und freue mich schon auf die Rückfahrt.


Ssank ju for trewelling wiss deutsche bahn.

***


Die neue Hose

Es war soweit.
Der Moment, den er am meisten gefürchtet hatte, den er mit allen Mitteln herauszuzögern versucht hat, den er mit allen Tricks und Kniffen zu vermeiden gesucht hatte, war gekommen. Er brauchte eine neue Hose. Für seine Frau, die schon vor Wochen gesagt hatte, er müsse ja doch mal neue Beinkleider haben, die nicht einfach nur seine Nacktheit bedeckten, sondern auch der neusten Mode Tribut zollen müssten, war das endlich der Zeitpunkt, eine Herausforderung bewältigen zu dürfen.
Eine Herausforderung die über die üblichen Dimensionen
herausging. Ihm abzugewöhnen, Toilettenrollenkerne nicht liegen zu lassen und auf deren selbsttätige Auflösung zu warten, war dagegen eine Kleinigkeit gewesen. Auch das Unternehmen, ihn dazu zubringen, sich mindestens zweimal in der Woche zu rasieren, war ein Kinderspiel. Selbst das Unterfangen, ihn zu einer bewussteren Ernährung zu überreden, war nichts gegen die Aufgabe, die jetzt auf sie zu kam. Sie wusste, es würde ein Unterfangen mit herkulischen Dimensionen werden.
Für ihn war klar, dies würde der Tag seiner Kapitulation sein, es kam einer Selbstaufgabe gleich, für ihn hieß das nicht anderes als lebensphilosophische Grundsätze in Frage zu stellen, als gewachsene Prinzipien zu verleugnen. Es würde beinahe so sein, als müsse er viel kleine Tode sterben. Nichts würde hinterher mehr so sein wie es mal war.
Die Fahrt in die Stadt an die Stätte seiner Niederlage war nicht weiter erwähnenswert; sie saßen sprachlos im Wagen nebeneinander, er macht schon längst nicht mehr, wie noch ein paar Tage zuvor, den Versuch, die Aktion verschieben zu wollen, oder sie davon zu überzeugen, dass er sich doch selbst eine Hose kaufen könne. Er fügte sich in sein Schicksal.
Nur ein Blitzschlag, eine Naturkatastrophe oder das gesetzliche Verbot des Hosenkaufes für Männer durch die Frauen, konnten das Unabänderliche noch verhindern, und zwar nur alles gleichzeitig.
Kurzfristig schöpfte er nochmal Hoffnung als die städtischen Parkhäuser überfüllt zu sein schiene, doch diese Hoffnung erfüllte sich auch nicht.
Immerhin hatte er noch durchgesetzt, dass nach dem Besuch von ungefähr siebzehn Geschäften eine Pause eingelegt werden solle; sein Frau hatte darin leicht unwirsch eingewilligt.
Sie fanden eine Parkplatz, für dessen Gebühr man schon mindestens drei einfache Hosen seines Geschmackes bekommen hätte. Das Gedrängel in der Stadt war erträglich, sieht man einmal davon ab, dass sie beide kaum voran kamen, und wenn man bedenkt, dass Hochsommer war, waren auch die Temperaturen um den gefühlten Gefrierpunkt aushaltbar.
Es muss an dieser Stelle nicht darüber geredet werden, dass sie ihn erfolglos durch, grob geschätzt, einhundert Shops, Depots, Geschäfte, Verkaufsstellen und Boutiquen geschleust hatte, die alle nicht ihren Geschmack zufrieden gestellt hatten. Ihn aber an den Rand des Nervenzusammenbruches gebracht hatten. Nach dem vierunddreißigsten Laden hatten sich zum ersten Mal Selbstmordgedanken in seinen Kopf geschlichen, beim dreiundsechzigsten Geschäft wurden daraus Mordüberlegungen und beim siebenundachtzigsten Shop wurde daraus schon ein einfacher Doppelmord.
Es dauerte nicht lange, dass sie zielsicher einen noblen und teuren Laden ansteuerte, freundlich lächelnd die Schwelle überschritt und wie ferngelenkt die “Moderne-Hosen-Abteilung” ausfindig machte.
In diesem Moment schoss ihm durch den Kopf, dass die neue Hose sicherlich keine Gesäßtaschen brauchen würde, da er in diesem Hosentempel mit Sicherheit alles Geld
lassen und fernerhin kein Portemonnaie benötigen würde.
Das Schicksal nahm seinen Lauf. Nachdem sie sich nochmals sicher und fachmännisch sich seiner Hosengröße vergewissert hatte, nahm sie die Wühltische und Garderobenständer vor, entkleidete Modepuppen, wenn sie der Meinung war, es müsse genau die Hose sein , die diese an hatte, stapelte Hose auf Hose, wuchs kräftemäßig über sich hinaus und bewies eine Geduld und Verbissenheit, die er ihr gar nicht zugetraut hatte.
Nachdem sie rund ein Dutzend Hosen auf ihre bislang als zart und fragil bekannten Arme, die aber offensichtlich äußerst kräftig sein mussten (er würde sich in Zukunft ob ihrer Kraft mal Gedanken machen müssen) gelegt hatte, schob sie ihn mit der kategorischen Aufforderung, diese Hosen der Reihe nach anzuprobieren und ihr dann vorzuführen, in eine der frei gewordenen Umkleidekabinen.
Die Kabine war eng, für die vielen Hosen und der Kleidung waren zu wenige Ablageflächen bzw. Haken vorhanden, er musste erst ein sinnvolles Verfahren entwickeln, um nicht schon nach den ersten Versuchen ein heilloses Durcheinander zu verursachen.
Dann ging es los, Hose für Hose. Schuhe aus, Ausziehen, Anziehen, Schuhe an, vorführen, in der Kabine anstoßen, verletzen, weitermachen, ausziehen, anziehen, vorführen, in der Kabine anstoßen, verletzen, weitermachen.
Mal waren die Hosen zu kurz, mal zu lang, dann stimmte die Farbe nicht, dann war der Stoff zu weich, zu hart, zu wuschig, zu dick, zu dünn, zu fuddelig. Dann passte die Hose nicht zu ihm, dann passte er nicht zur Hose, die Farbe der Nähte war zu hell, zu dunkel, die Nähte zu breit zu schmal, zu geschwungen, zu geradlinig. Mal war es dies und mal war es das. Er hatte das Gefühl, in seinem ganzen nicht eben kurzen Leben
nicht annähernd gleich viele Hosen überhaupt getragen zu haben, wie er jetzt in den letzten Stunden anprobieren musste.
Aber er stellte schnell fest, er war nicht allein. Vor allen Umkleidekabinen saßen Frauen in bequemen Sesseln, und immer wenn er aus der Kabine trat, traten aus den anderen Kabinen andere Männer heraus, die eigentlich auch nichts anderes gewollt hatten, als einfach nur irgendein Bekleidungsstück für ihre mehr oder weniger langen, kurzen, dicken oder dünnen Beine zu bekommen. Dieses “Rein und Raus” hatte etwas choreografiertes, balletthaftes, erinnerte aber auch stark an die Wettermännchen Schwarzwälder Kuckucksuhren.
Die Frauen einschließlich seiner eigenen, gaben sich wie Dirigenten, wie Regisseure. Diese liebenswerte Geschöpfe, die sie noch vor wenigen Stunden oder in der letzten Nacht waren, hatten sich in rücksichtslose Despoten verwandelt, die ihre Männer wie Leibeigene herumkommandierten.
Auf den Gesichtern der Männer zeigten sich schon tiefe Furchen des Grams, Angstschweißperlen tröpfelten mehr oder weniger zahlreich von den Stirnen dieser eingeschüchterten Wesen, die ansonsten mit der Kraft ihres Geiste oder ihrer Hände für den Bestand des gemeinsamen Lebens gekämpft und gearbeitet hatten, die sich todesmutig den Fährnissen des grausamen Alltages in den Weg geworfen hatten, um sich und seiner kleinen Familie ein geruhsames Leben zu ermöglichen. Manager, Angestellte , Führungskräfte, bärenstarke Arbeiter waren zu hoseneinkaufenden, willfährigen kleinen Jasagern geschrumpelt, die roboterhaft Abweisungen ausführten.
Schuhe aus, Ausziehen, Anziehen, Schuhe an, vorführen, in der Kabine anstoßen, verletzen, weitermachen, ausziehen, anziehen, vorführen, in der Kabine anstoßen, verletzen, weitermachen.
Die Zeit nahm kein Ende,wann würde wohl der Weltuntergang einsetzen, wann war der erste apokalyptische Reiter zu sehen?
“Das ist sie!” “Das ist sie!” “Das ist sie!”
In seinem mittlerweile umnebelten Hirn schien er einen Satz, eine Lautfolge wahrzunehmen.
“Das ist sie!”
Er konnte das ganze nicht einordnen, was sollte das bedeuten, was war passiert, wer hatte da gerufen, beinahe hysterisch laut geschrien.
“Das ist sie!”
Er begriff “Das ist sie!” hieß, die richtige Hose war gefunden worden, die Tortur war beendet, der Leidensweg abgeschlossen, eine Passionsgeschichte der besonderen Art hatte ihr Ende erreicht, er hatte die richtige Hose, die Hose, die ihn zu einem Mann, zu einem modernen Mann werden ließ, an seinem Körper und er spürte, dieser Körper war nicht mehr nur sein drangsalierter, geplagter alter Körper, er war zu einem begehrenswerten Körper mit einem festen Po und erotischen Umrissen geworden.
Er bemerkte, dass er seine Frau durch seine männliche und sichere Einkaufstrategie zu einem, ihn bewundernden, Wesen gemacht hatte, und die ihn wegen seiner unnachahmlichen Art für alle Zeiten liebte und verehrte.
Was für eine tolle Hose hatte er da gefunden? Sie umschmeichelte seinen Astralleib, betonte besondere Kurven und Linien, machte ihn mindesten zehn Zentimeter größer, zehn Pfund schlanker und geschätzte zwanzig Jahre jünger. Ja, diese Frau konnte stolz sein auf diesen tollen Kerl! Welch ein Modegeschmack, welch ein geniales Gefühl für Farben und Formen, für Schnitt und Design?
Warum war er erst jetzt darauf gekommen, sich eine neue Hose kaufen zu wollen? Sicherlich hatte sie ihn bislang davon abgehalten. Ja, so musste es gewesen sein.

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